Mit dem Rad durch Friauls Erdbeben-Geschichte!
Wer rund um Gemona del Friuli in Italien aufs Fahrrad steigt, entdeckt nicht nur eine der schönsten Landschaften Friauls, sondern auch eine Region mit bewegender Geschichte: Vor genau 50 Jahren wurde dieses Gebiet von einem schweren Erdbeben erschüttert.
Am 6. Mai 1976 um 20.59 Uhr bebte hier die Erde. Eine Minute lang – lang genug, um eine ganze Region zu verändern. Das Beben erreichte eine Magnitude von rund 6,5, fast 1000 Menschen verloren ihr Leben, rund 80.000 verloren ihr Zuhause.
Das Epizentrum lag nur wenige Kilometer entfernt, am Monte San Simeone. Besonders Orte wie Gemona, Venzone oder Osoppo wurden schwer getroffen – ganze Ortskerne brachen zusammen, Kirchen stürzten ein, Straßen rissen auf.
Was folgte, ist heute europaweit ein Lehrbeispiel: der Wiederaufbau nach dem sogenannten „Friaul-Modell“. Schnell, effizient, getragen von Solidarität – auch aus Österreich.
Heuer, genau 50 Jahre nach der Katastrophe wird im gesamten Friaul erinnert und gleichzeitig gefeiert, was danach entstanden ist. Der Höhepunkt ist ein Gedenkkonzert von Weltstar Andrea Bocelli am 7. Mai in Gemona.
Auf den Spuren des Bebens war die „Radkrone“ – begleitet von der Psychologin Monika – mit einem klassischen Hardtail rund um Gemona unterwegs – konkret mit einem legendären KTM Myroon.
Während aktuell Gravelbikes den Markt und Social Media dominieren, wirken Hardtails fast wie aus der Zeit gefallen, dennoch sind diese leichten schnellen Mountainbikes ideal für Entdeckungstouren und das Friaul ist wie gemacht für Radfahrer. Weite Schotterflächen entlang des Tagliamento, sanfte Hügel, dahinter die schroffen Kanten der Julischen Voralpen.
Die Touren führen teils auf perfekt ausgebauten Radwegen oder verkehrsarmen Straßen vorbei an kleinen Dörfern, durch Weinberge, über alte Militärstraßen und entlang von Flussläufen.
Besonders der Tagliamento – der letzte weitgehend unverbauten Alpenflüsse – wird zum ständigen Begleiter. Ein Pflichtstopp ist das Erdbeben-Musuem nahe des Doms in Gemona, wo die Katastrophe von 1976 greifbar wird. Hier geht’s nicht um Zahlen und Daten. Sondern um Menschen. Um Geschichten.
Venzone: Die Stadt, die zweimal gebaut wurde
Ein paar Kilometer nördlich von Gemona liegt Venzone – heute Pflichtstopp für jeden Radfahrer entlang dem Ciclovia Alpe-Adria. Was aber vielleicht nicht jeder Radreisende weiß, die mittelalterliche Stadt wurde beim Beben 1976 nahezu ausgelöscht. Und danach Stein für Stein wieder aufgebaut. Originalgetreu. Aus nummerierten Trümmern.
Wer heute durch die engen Gassen radelt, merkt schnell: Hier stimmt etwas nicht – und gleichzeitig alles. Die Fassaden, des zu den schönsten Dörfern Italiens zählenden Venzone wirken zwar alt, sind aber jung.
Der Blick hinauf in Friauls Berge
Zurück Richtung Gemona del Friuli öffnet sich der Blick hinauf zum 1505 Meter hohen Monte San Simeone. Genau dort, wo vor 50 Jahren die Kräfte der Erde freigesetzt wurden. Heute ist der Berg auch ein Paradies für Mountainbiker, denn auf den Gipfel zieht sich eine steile und spektakuläre Militärstraße.
Und genau das macht Radfahren rund um Gemona so besonders. Man fährt nicht einfach von A nach B, sondern erlebt radelnd ein ruhiges, bewusstes Erinnern an eine der größten Naturkatastrophen, die vor einem halben Jahrhundert auch Österreich durchgerüttelt hat.